Studien- und Literaturreise nach Russland vom 19.09. bis zum 30.09.2016

A. Puschkins Bedeutung für die russische Literatur- und Geistesgeschichte sichtbar zu machen, ist eines der wesentlichen Ziele der Gesellschaft. Damit verbunden will sie das Interesse für die russische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts insgesamt wecken und den Blick für die russische Kultur weiten.

Die Literaturreise sollte dies ein Stück weit bewirken. Clotilde von Rintelen war die Ideengeberin- Sie hatte die Reise mit Freunden bereits gemacht. Das Unternehmen war dennoch ein Wagnis.

Nie zuvor hat die Gesellschaft eine so komplexe und lange Reise, - von Moskau bis ans Schwarze Meer -  unternommen. Mit Unterstützung unserer russischen Partner haben wir folgende Literaturorte besucht:

Muranovo: Lebensmittelpunkt der  bedeutendsten romantischen Dichter Tjutschev und Baratynski und. deren Familien.

Melichovo: Landgut und Arztpraxis von A. Tschechov.

Jasnaja Poljana, Lebensmittelpunkt von L. Tolstoj.

Spasskoje-Lutovinovo, Heimat von I. Turgenjev.
Voronesch/ Orel: Verbannungsort von O. Mandelstam.
Stanitsa Vjoschenskaja am oberen Don: Heimatregion des Nobelpreisträgers. A. Scholochov und Schaupletz des „Stillen Don“einschliesslich der Kosakenzentren Novyj -  und Staryj Tscherkassk
sowie Rostov am Don.
Taganrog: Geburts- und Kindheitsort Tschechovs.

 

Wir haben nicht nur Orte aufgesucht und die Lebenswelten der Schriftsteller und Dichter auf uns wirken lassen, sondern auch jeden Abend nach einem verabredeten Plan deren Texte gelesen und diskutiert.

Die Reise war ein überwältigender Erfolg. Von ihr haben alle Teilnehmer bleibende Eindrücke und eine Fülle von Erkenntnissen und Einsichten mitgebracht.


Vor allem: Überall und über allem Puschkin!


Als Denkmal auf öffentlichen Plätzen, in Parkanlagen oder in den Kabinetten der Dichter und Schriftsteller. Weihrauch vor einer entrückten Ikone? Säulenheiliger einer sanktionierten Literatur?
Wir liessen die besuchten Literaten selber sprechen und fanden nicht nur bei Baratynskij, Tjutschev, Tolstoj, Turgenjev und Tschechov, ja selbst noch bei Mandelstam das Wesentliche: Puschkin als
Referenzgrösse, als Masstab für die russische Sprache in  ihrer Schönheit und Sinnlichkeit, ihrer Eleganz und unvergleichlichen Musikalität; ein Schlüssel zum Verständnis der Psyche der diese Sprache Sprechenden und in ihr Schreibenden.. Dies war sicher eines der wichtigsten Ergebnisse der Reise, ein wesentlicher Impuls für die Arbeit der Gesellschaft und eine Ermutigung auf diesem Weg fortzufahren.

Dazu die Fülle der Bilder und Eindrücke:
Die Gastfreundschaft der Hüter von Muranovo, insbesondere die bezwingende Persönlichkeit der langjährigen Kuratorin Svetlana Dolgopolova, die eigens von ihrem Alterssitz gekommen war, um uns mit dem Segen des Direktors zu betreuen, uns, die wir mit dem Blick auf Tjutschevs deutsche Frauen, so etwas wie familiäre Nähe mitbrachten.

Tschechovs kärgliches Behandlungszimmer in Melichovo: das Gartenhaus, als Zufluchtsort eines im Innersten einsamen Mannes vor der fordernden Präsenz einer materiell von ihm abhängigen Familie.
Die Gutswirtschaft in Jasnaja Poljana. Das In time einer Familie, unprätentiös. Tolstoj nicht als Ikone sondern auf seine Manuskripte konzentriert, Herr und Tyrann, liebevoll und selbstbezogen zugleich. Unübersehbar die Gegenwart seiner Frau, Heldin und Opfer, Trägerin der Last von Haus und Familie Das grüne Grab im Wald; Vergänglichkeit in der Natur aufgehoben.

Spasskoje- Lutovinovo in der Abenddämmerung. Die Farben lila, weiss und grün, eine Spur zu elegant für einen Landsitz. Die herrische Mutter und der sprechend abwesende Sohn Turgenjev; seine Halbschwester das Kind seiner Mutter aus der Beziehung mit einem jungen Arzt, der später Tolstojs Schwiegervater werden sollte.

Dann das Kosakenland! Was ist es? Die Filmkulisse der fast verlassenen Stanitsa Jelanskaja mit ihrer grossen,verfallenden Kirche aus der Blütezeit der Kriege gegen Napoleon. Der Priester  im Unterkleid mit offenem Zopf, leicht verwirrt aber  aufrecht und von der Grösse der kosakischen Vergangenheit getragen. Ein dem Untergang geweihter Ort von melancholischer Schönheit. Der Gang über den Friedhof hätte es nicht sinnfälliger zeigen können. Oder die  Kosakensiedlungen Vjoschenskaja, Kruzhilinski und Karginskaja: Scholochov Kult als Aufhänger für eine Neubestimmung des oberen Don. Für den Literaturbegeisterten Spurensuche nach den Helden des „ Stillen Don“. Die Taufe in der Atamanenkirche in Staryj Tcherkassk stimmte hoffnungsvoll, die patroullierenden Jungkosaken im Schatten der gewaltigen Kathedrale von Novocherkassk weniger: Auf die Frage, ob sie nach Deutschland wollten, ein freudiges Ja.

Taganrog am Rande der Welt, hätte es nicht Tschechov gegeben. Der noch exisistierende Kramladen des aus der Leibeigenschaft befreiten Vaters. Der Sohn in der griechischen Schule, denn die griechische Kaufmannschaft sicherte den Aufstieg.  Die Schule zeitigte nicht das erwünschte Resultat, deshalb Wechsel aufs russische Gymnasium. Feliks Dzerzhinskijs, des ersten Tschekisten, Vater war Tschechovs Mathematik Lehrer. Wie konnte kleinbürgerliche Enge diesen Giganten der russischen Literatur hervorbringen? Die Antwort liegt vielleicht in der melancholischen Beschreibung einer zum Untergang verurteilten Welt mit ihren sich ins Fatalistische fügenden Menschen-
Zuletzt Rostov am Don. Fortsetzung der sowjetischen Gigantomanie oder Neuerfindung?
Sichtbare Zeichen, dem Untergang des alten Imperiums, der Rückständigkeit und einem der langen Isolation geschuldetem, tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplex , etwas Grosses entgegenzusetzen.
Bilder, die dem Reisenden durch den Kopf gehen, getragen und begleitet von der Stimme Bernt Hahns,der heroisch abends die Lesetexte ausbreitete.

Mehr zu den Impressionen im Anhang.

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