35 Jahre Deutsche Puschkin-Gesellschaft

Am 15. Oktober 2022 beging die Deutsche Puschkin-Gesellschaft in engem Kreis der Mitglieder und Freunde ihr 35jähriges Bestehen im Seminarraum der Philippus-Kirche in Berlin-Friedenau.

Der Gemeindevertreter Dr. Wittmann skizzierte in einem kurzen Grußwort die Architektur der Kirche, die der Gesellschaft freundlicherweise den Raum für ihr Jubiläum zur Verfügung gestellt hat.

Der Vorsitzende der Deutschen Puschkin Gesellschaft eröffnete die Veranstaltung mit einem Grußwort und rief die wichtigsten Stationen der wechselvollen Geschichte der Gesellschaft von der Gründung bis heute nochmals in Erinnerung. Dabei wurde insbesondere deutlich, welch großen Verlust wir am 23. August.2022 mit dem Tod von Dimitri Stüdemann erlitten haben und welch wichtige, zentrale Bedeutung in vielen Jahren seine brillante und mächtige Persönlichkeit für die Gesellschaft hatte. Die Anwesenden haben ihm als großen Freund und Mentor der Gesellschaft gedankt und seiner gedacht.

Der Vorsitzende wies auch auf die Schwierigkeiten hin, die der Gesellschaft durch die Corona Epidemie und den Krieg in der Ukraine entstanden sind. Reisen und Kontakte sind gestört und Planungen auf absehbare Zeit erschwert.

Herzstück der Jubiläumsveranstaltung war der literarische Teil –dargestellt durch den russischen Schriftsteller Michail Schischkin mit einem aufwühlenden Essay über das Leben und Werk Alexander Puschkins, das im Dialog ergänzt wurde durch Puschkin-Zitate, gelesen von dem Sprecher und Schauspieler Bernt Hahn.

Am Leben und Wirken dieses grossen russischen Dichters wurde aufgezeigt, dass die Kultur schon immer in einem Spannungsfeld mit der staatlichen Macht stand und steht. Das galt und gilt nicht nur, aber in besonderem Masse und gerade in diesen Tagen in Russland und Europa.

Michail Schischkin trug u.a. vor : Russland war und ist wie ein Körper mit zwei Köpfen. Der eine Kopf vertritt europäische Bildung, liberale Ideen und Vorstellungen von einem Russland, das Teil der universalen menschlichen Zivilisation ist. Für den anderen Kopf ist die Heilige Rus eine Arche in einem Ozean von Feinden und allein der Vater, der im Kreml sitzt, kann das Volk retten.

Auch Puschkin hat in diesem Dilemma gelebt. Der liberal denkende junge Dichter gab dem Zaren gegenüber offen zu, dass er mit den Dekabristen sympathisiere.

(Auszug aus “Die Freiheit-Ode", übersetzt von Engelhart, vorgetragen von B. Hahn):

“Wohin die Augen schweifen, ach,

Seh ich nur Peitschen, Ketten, Strafen,

Verderblicher Gesetze Schmach,

Und Tränen unterdrückter Sklaven;

Rings herrscht die nackte Willkür hier

Und Vorurteile-nichts, was Recht schafft,

und überall der Geist der Knechtschaft

und mörderische Ruhmbegier.

(und weiter unten im Text)

Ihr Herrscher, Euch gab Thron und Reich

Das Recht- und nicht Natur-zu Lehen;

Und mögt ihr überm Volke stehen

Das Recht steht ewig über euch.”

 

Später erkannte der reifere Puschkin, dass die Alternative zur starken Staatsmacht in Russland nicht Demokratie hieß, sondern Blut und Chaos. Daher auch die russische Volksweisheit: “ Man soll dem schlechten Zaren nicht den Tod wünschen “- der Nächste könnte noch schlechter sein.

War es Resignation, dass Puschkin seinen “ Boris Godunov” mit den Worten “ Das Volk schweigt” beschloss?

 

Schischkin führte zu Puschkins Bedeutung aus: Puschkin hält die russische Welt zusammen, Westler und Slawophile, Patrioten und Volksverräter, Freunde und Feinde- alle beanspruchen ihn für sich. Puschkin hat seinem Land die Lektion hinterlassen, dass der Sinn des Lebens nicht im Überleben, sondern im Bewahren der Würde des Menschen liegt.

Dies kommt in seinem Gedicht “Exegi Momentum” (übersetzt von R.D. Keil, vorgetragen von B. Hahn) besonders zum Ausdruck:

Ein Denkmal schuf ich mir, kein menschenhanderzeugtes

des Volkes Pfad zu ihm wird nie verwachsen sein,

und höher ragt sein Haupt empor, sein nie gebeugtes

als Alexanders Mal aus Stein.   

 

Nein, gänzlich sterb ich nicht: die Seele lebt im Liede

Noch fort, wenn ihr den Staub dem Staube übergebt ,

Und preisen wird man mich, solange noch hieniden

Auch nur ein einzger Dichter lebt.”

----------------------------------------------------------------------

 

Die Jubiläumsveranstaltung beschloss ein kleiner Vin d´Honneur.

 

Zu den Vortragenden:

Bernt Hahn ist Schauspieler und Sprecher und seit vielen Jahren als Mitglied der Deutschen Puschkin-Gesellschaft eng verbunden.

Mikhail Shishkin ist Schriftsteller, ausgezeichnet mit wichtigen Literaturpreisen, geboren in Moskau, lebt seit 25 Jahren in der Schweiz. Er schreibt u.a. in der NZZ und hat mehrere Bücher veröffentlicht.

© Fotos: Wolfgang Drautz